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Journal / Wirtschaft
Politik und Postfaktizität - Was Trump für die Wissenschaften bedeutet

Von Lars Jaeger
Wer sich für den reichhaltigen und zuweilen auch freudvollen Diskurs der
Wissenschaften interessiert, wird bei Bekanntwerden der Ergebnis der USWahlen
in der letzten Woche mit hoher Wahrscheinlichkeit eine ähnliche
Mischung aus Schock, Angst, Trauer, Scham und Ekel empfunden haben
wie der Autor dieser Zeilen (ggfs. in variationsreichen Gewichtungen davon).
Dies betrifft wohl auch die allergrößte Mehrheit von Menschen, die sich ein
Mindestmaß an Ehrlichkeit und Reflexionsfähigkeit – oder um es mit einem
wunderschönen, wenn auch etwas altmodischen Wort zu sagen: intellektuelle
Redlichkeit – auf ihre eigenen Fahnen schreiben. So ist sich die Wissenschaft-
Community in ihrer Gegnerschaft zum neuen Präsidenten denn auch
unisono einig: Donald Trump steht in einem starken Gegensatz zu so ziemlich
allem, was Wissenschaftler in ihrem Wertekanon und ihren Vorstellungen
von Integrität vertreten.

Aus der Sicht der Wissenschaft ist dies in erster Hinsicht (im Idealfall) der
kompromisslose Wille, Dinge und Zusammenhänge wirklich wissen zu wollen,
kombiniert mit der unbedingten Aufrichtigkeit, dass wir vieles eben nicht
wissen, bzw. mit dem Anerkennen der Möglichkeit, dass wir Dinge, die wir
meinen zu wissen, vielleicht gar nicht richtig wissen. Wissenschaft enthält
eine radikal-reflexive Einstellung zu dem, was sie denkt und glaubt, und
schließlich ein vorbehaltslosen intellektuelles Erfassen der zu erwartenden
Folgen eines bestimmten Glaubens. So beschrieb es auch Richard Feynman:
„Religion ist eine Kultur des Glaubens, Wissenschaft ist eine Kultur des
Zweifels“. Mit anderen Worten, (echte) Wissenschaftler treibt der ernsthafte
und unkorrumpierte Wunsch nach Wahrheit im Wissen, dass sie diese kaum
jemals endgültig erhalten werden (dies heißt natürlich nicht, dass sie dabei
alleine ist; viele Geistestraditionen teilen diesen Motivationsrahmen).
Der Weg von intellektueller Unaufrichtigkeit, d.h. wider besseres Wissen zu
denken (oder zu glauben), zu ethischer Korrumpierbarkeit, d.h. wider besseres
Wissen zu handeln, ist selten weit. Denn Unkorrumpierbarkeit bedeutet
nichts anderes als Aufrichtigkeit und Integrität, d.h. „in einem Ganzen“ zu
sein, zu denken und zu handeln. Aber insbesondere besitzt diese Haltung
auch eine bedeutende politische und gesellschaftlichen Dimension: das Bekenntnis zu maximaler Transparenz und unbedingter Offenheit.

Auf diese Haltung trifft nun ein US-Präsident, der sich um die Wahrheit, gelinde
gesagt, einen feuchten Dreck schert. Dass Berufspolitiker im Allgemeinen
ein höchst-opportunistisches Wahrheitsverständnis haben, war den
meisten Beobachtern politischer Auseinandersetzungen sicher auch zuvor
schon bekannt. Doch hier erleben wir noch einmal ganz neue Maßstäbe der
systematischen Fehlinformation, skrupellosen Propaganda und der offenen,
schamlosen Lüge. Wir müssten Innerhalb der Geschichte der westlichen
Zivilgesellschaft mindestens 85 Jahre in die Vergangenheit gehen, um Vergleichbares zu erkennen. Dass sich hier gerade Wissenschaftler die Haare
raufen, muss geradezu als selbstverständlich gelten.

So war Trumps Polemik gegen das “Establishment” und die “Eliten” auch
kein Hetzen gegen Reichtum, erfolgreiche Geschäftsleute, oder sogar Politikerfahrene.


Seine Propaganda richtete sich vielmehr gegen die amerikanische
„Intelligenzija“, die in ihrem Wesen offen, reflektiert und liberal ist: die
linksliberalen Professoren, Klimaforscher, Lehrer, Schriftsteller, Künstler,
usw. mitsamt ihrer „politische Korrektheit“ und ihren „falschen Rezepten“ für
die Gestaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts in Zeichen stürmischer
Globalisierung (und dass Trump dabei eine tiefe Unzufriedenheit gerade in
traditionellem „linkem“ Arbeitermilieu gefunden hat, die seine politischen
Gegner nicht sahen, muss man ihm sogar zugutehalten; hier lebte die Intelligenzija auf ihrer eigenen Informationsinsel). Stattdessen flößt Trump seinen Anhängern Bewunderung für den raubeinigen, aber schaffenskräftigen „Macher“ ein, für den Geschäftsmann, der die Dinge schon irgendwie hinbiegt.

Besonders unheimlich ist, dass die Trump’sche Bewegung dabei genau dem
Verständnis von „Elite“ und „Establishment“ der rechtspopulistischen Ikone
Ayn Rand folgt. Wissenschaftler sind per se Experte in bestimmten (wenn auch zumeist sehr beschränkten) Fachgebieten. Und genau diesen Experten soll man nun nicht mehr trauen, so die Stimmen der Populisten. Entsprechende Rhetorik trieb schon Abstimmungskampf im dem britischen Verbleiben in der EU im Sommer: Experten sind arrogante Besserwisser, die keine Ahnung vom „wahren Willen“ des Volkes haben. Solche Rhetorik sprechen Bände für die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, wie sie sich die Populisten vorstellen. Sie streuen das Gift des Misstrauens. Und damit steuern wir in das, was das politische Feuilleton die „postfaktische Gesellschaft“ nennt (Oxford Dictionaries hat das Wort „post-truth“ gerade zum internationalen Wort des Jahres gewählt). Das betrifft nichts direkter als die Wissenschaft und ihre Methoden.

Dass dem Wort „postfaktisch“ dabei ein grobes semantisches Missverständnis
zugrunde liegt, nämlich, dass sich „faktisch“ auf zweifelsfrei und objektiv
Feststellbares, eben „Tatsachen“, beziehen soll, ändert nicht viel an der Dissonanz zwischen Trump und der Wissenschaft. Tatsächlich entstammt das
Wort „factum“ dem lateinischen „facere“, was so viel heißt wie „machen“ oder
„tun“. Fakten sind also wie die „Tatsachen“ etwas, was getan, oder noch
besser geschaffen wird. In diesem Sinne sind politische Lügen eben auch
„Fakten“, nämlich etwas (von Menschen) Geschaffenes. Nur sollte uns diese
hermeneutische Feinadjustierung nicht weiter ablenken.

Es fällt nicht leicht, nachdem sich gefühlt so ziemlich jeder Intellektuelle, Politiker und Prominente zur Wahl des neuen US-Präsidenten geäußert hat,
dem Kanon der Aussagen noch irgendetwas wirklich Neues hinzuzufügen.
Außenpolitik, Wirtschaft, Haushalt und Steuern, Handelspolitik, Immigration,
Justizwesen, Gesundheit, Waffenrecht, Verteidigung, Klimaschutz, Sozialpolitik,
innere Sicherheit – auf all diesen Themen bezogen sich in den letzten
Tagen Hunderte und Tausende von Artikeln, Interviews und Talkshows.
Doch was bedeutet Trump eigentlich für die Wissenschaft, die sich in intellektueller Hinsicht wohl in stärkster Gegnerschaft zu ihm wähnen muss?

Über seine konkrete Wissenschafts-Agenda ist (wie wohl zu ziemlich jedem
politischen Feld) noch nicht viel bekannt. Aber Wissenschaftler machen sich
bereits Sorgen. Die Ankündigung massiver fiskalische Expansion und Investition
wird wohl in guter Tradition republikanischer Haushaltspolitik seit Ronald Reagan in erster Hinsicht der öffentlichen Infrastruktur und dem Militär
zugutekommen. Gut möglich, dass dafür bei der Wissenschaft gekürzt wird. Konsistent mit Trumps Ablehnung faktischer und wissensbasierter Argumentation und Rhetorik wäre es durchaus (bei Reagan war dies allerdings nicht der Fall, denn Wissenschaft ist auch von großer militärischer Bedeutung, wie er erkannt hatte). Dazu kommt eine möglicherweise striktere Einwanderungspolitik.

Welche andere gesellschaftliche Kraft lebt so stark von der Offenheit im Austausch von Ideen und Theorien wie die Wissenschaft?

Der chinesisch-stämmige Professor am MIT hängt davon ab, sich mit seinem
indischen Kollegen in Delhi oder einer Expertin aus Brasilien austauschen zu können. Nicht zuletzt aufgrund ihrer offenen und liberalen Einwanderungspolitik
sind die USA über die Jahrzehnte zur bedeutendsten Wissenschaftsmacht
der Welt aufgestiegen.

Am deutlichsten wird die Haltung des neuen US-Präsidenten zur Wissenschaft
allerdings in dessen sich anbahnender „Klimapolitik“. Auf der Grundlage
empirischer „Fakten“ und modelltheoretische Kohärenz bekennen sich
die Wissenschaftler unterdessen nahezu einstimmig zu einem klaren Bild.
Die wissenschaftliche Faktenlage liegt längst jenseits aller vernunftbasierten
Bezweifelbarkeit. Auch wenn die Komplexität der zugrundeliegenden Zusammenhänge komplett unbezweifelbare Prognosen oder Formulierungen
von 100% eindeutigen Kausalzusammenhängen von Seiten derjenigen, die
am meisten davon verstehen, nach wie vor verbietet und es zudem in der
Natur und beruflichen Ethik der forschenden Protagonisten liegt, ihre Aussagen
und Modelle immer wieder mit dem Prädikat des Unfertigen zu versehen,
so zeichnet sich nichtsdestotrotz unterdessen eine so erdrückende wie
unangenehme Indizienlage ab: Unser Klima verändert sich auf dramatische
Art und Weise. Und alle Indizien zeigen dahin, dass diese Veränderungen
von uns ausgehen.

Doch mit einer unangenehmen Mischung aus Arroganz und Ignoranz lautet
der Kanon der politischen Akteure Trump’scher Prägung: „Wir lehnen den
Klimawandel ab“. Dass die Wortwahl eine entblößende Ironie enthält,
entgeht den Protagonisten dabei vermutlich. Sie sollten sich vielleicht mal
überlegen, was ihnen passiert, wenn sie mal das Gravitationsgesetz ablehnen
(immerhin wären sie dann auf dem Stand vieler Zeitgenossen Isaac
Newtons): Vielleicht könnten sie dann fliegen? Es wäre nicht verwunderlich,
wenn auch diese Aussage Eingang in die Rhetorik eines US-Präsidenten
Donald Trump finden würde.

Lars Jaeger
Foto: privat
In seinen Büchern und Artikeln konzentriert sich Lars Jaeger auf die Themen Investment und Naturwissenschaft. Seine Bücher zur Hedgefonds-Branche erregten mit ihren fundierten Analysen und konstruktiven Entwicklungsvorschlägen Aufsehen in der Finanzindustrie.

Im Bereich der Naturwissenschaft beschäftigt sich der Autor mit der Geschichte der Wissenschaft, ihrem Verhältnis zu spirituellen Traditionen und ihrem Einfluss auf die moderne Gesellschaft. Sein letztes Buch „Naturwissenschaft: Eine Biographie“ erschien bei Springer Spektrum (2015).

Lars Jaeger, 1969 in Heidelberg geboren, studierte Physik, Mathematik, Philosophie und Geschichte an der Universität Bonn und an der École Polytechnique in Paris. Er promovierte am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden und arbeitete hier auch im Rahmen von Post-Doc-Studien. Der Autor lebt mit seiner Familie im schweizerischen Baar bei Zug.

Der schweizerisch-deutsche Schriftsteller ist als Unternehmer, Wissenschaftler,
Finanztheoretiker und alternativer Investmentmanager beruflich breit aufgestellt. Anfang 2010 gründete er das Unternehmen Alternative Beta Partners AG in Zug. Vorher war er Partner der Partners Group, wo er für Hedgefonds und Risikomanagement verantwortlich war. Seit 2014 ist der Autor bei der GAM AG in Zürich "Head of Quantitative Research".

Er unterrichtet unter anderem an der European Business School im Rheingau, hat weitere Lehraufträge und hält Vorträge im In- und Ausland (u.a. London, New York, Vietnam).

Auf seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig seine Gedanken zum Thema Wissenschaft und Zeitgeschehen: http://larsjaeger.ch

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Autor: Lars Jäger - 19.11.2016
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